Foto: Regula Bearth
Das DIZH Public Data Lab ist kein reines Datenprojekt. Es soll auch eine Öffentlichkeit erzeugen und eine Beziehung zur Zivilgesellschaft aufbauen. Dafür steht das Public im Namen. Die Ideen dafür entwickelt Marcel Bleuler, Leiter des Institute for Contemporary Art Research an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), zusammen mit weiteren Vertreter:innen der ZHdK.
Marcel, weshalb machst du mit beim Public Data Lab (PDL)?
Marcel: Mich interessiert die Frage, wie gesellschaftliches Wissen aufgrund von Daten produziert wird. Und wie – darauf basierend – Policies festgelegt und letztlich Entscheidungen getroffen werden. Der technologische Fortschritt ermöglich, dass wir immer differenzierter messen und Datensätze kombinieren können. So lässt sich einerseits sehr nuanciertes Wissen über die Gesellschaft generieren. Andererseits werden Daten immer wichtiger dafür, wie gesellschaftliche Entwicklungen gelenkt werden. Den Fragen, wie gemessen wird, was gemessen wird, welche Lücken entstehen oder bestehen, kommt somit eine zunehmend substantielle, wenn nicht existentielle Bedeutung zu. Genau hier setzt das PDL an. Aus Sicht der Kunst treten dabei insbesondere gesellschaftliche Fragen in den Fokus: Was macht es mit uns, wenn Daten eine so grosse Bedeutung zukommt? Wie kann sich die Zivilbevölkerung in Beziehung zu hochspezialisierten und abstrahierten Datenprozesse setzen, die hinter den Türen von Spezialist:innen und der Verwaltung stattfinden?
Hast du ein Beispiel für einen solchen Prozess, bei dem die Beziehung zur Zivilbevölkerung wichtig ist?
Der Fahrplanwechsel, der jedes Jahr Mitte Dezember stattfindet, ist für mich ein gutes Beispiel. Ich bin in einem ländlichen Gebiet am Rand vom Kanton Zürich aufgewachsen und der Fahrplanwechsel war jedes Mal ein aufregender Moment. Aus meiner Sicht als Teenager wurden da Realitäten geschaffen, die ich nur schwer nachvollziehen konnte. Weshalb werden Bus- und Zugverbindungen zu gewissen Zeiten gestrichen? Weshalb gibt es neu zu einer Zeit Verbindungen, die doch gar niemandem etwas bringen etc.? Das ist so ein Moment, in dem ich als Mitglied der Zivilbevölkerung spüre, dass Entscheidungen getroffen werden, die auf Beobachtungen und Messungen basieren, die mir nicht oder nur beschränkt zugänglich sind. Natürlich können der ZVV oder die SBB solche Entscheidungen dann begründen und erklären. Mit evidenzbasierten Argumenten und edukativen Ansätzen werden sie aber Teenager:innen, die sich abgehängt fühlen, kaum erreichen.
Ich glaube, dass sich auch während der Pandemie viele auf ähnliche Weise ausgeschlossen oder abgehängt fühlten. In diesem Zusammenhang haben wir wahrscheinlich alle die Erfahrung gemacht, wie emotional geladen datenbasierte Entscheidungen sind. Für die einen verkörperten Daten die unumstössliche Wahrheit, aus der sich logische Schritte ableiten. Andere hingegen fühlten sich weder in den Daten noch den daraus abgeleiteten Schritten berücksichtigt. Und nochmals andere misstrauten Daten oder bezeichneten sie gar als fake. Wir müssen deshalb der affektiven Dimension Aufmerksamkeit schenken, wenn Innovationen im Bereich Daten tragfähig sein sollen und wir eine gesellschaftliche Kluft gegenüber den zunehmend differenzierten Datenprozessen vermeiden wollen. Die gesellschaftliche Beziehung zu Datenprozessen muss gepflegt werden, damit Vertrauen entstehen kann.
Was ist deine Rolle im PDL?
Zusammen mit Julia Weber leite ich innerhalb des PDL die Kerngruppe der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Zu dieser Kerngruppe gehören zwei Professorinnen aus dem Design, Sara Owens und Sophia Prinz, und ein Professor aus der Kunst, Felix Stalder. Derzeit schauen wir, wo es Anknüpfungspunkte für künstlerische oder designbasierte Prozesse gibt und wie wir dafür einen sinnvollen Rahmen aufbauen können. In einem nächsten Schritt geht es darum, in Verbindung zur Universität Zürich, zum Statistischen Amt des Kantons Zürich und zum Verein Opendata.ch künstlerische Auseinandersetzungen durchzuführen.
Was ist dein Beitrag fürs PDL?
Mein Hintergrund liegt in der Kunst und Kunstwissenschaft, zudem habe ich im Bereich von Peace Building und sozialer Transformation gearbeitet. Mein Zugang ist nicht von exakten Wissenschaften her, sondern durch den Fokus auf kulturelle und gesellschaftliche Dynamiken geprägt. Konkret geht es mir im PDL darum, Beziehungen und Vertrauen zwischen den Beteiligten und ihren Bereichen aufzubauen. Wir haben Spezialist:innen für Daten, Datenerhebung und -interpretation usw. Dann haben wir Vertreter:innen aus der Verwaltung, die gewährleisten, dass die Innovationen der Spezialist:innen angewandt werden und in die Politik hineinwirken. Und wir haben den Verein Opendata.ch, der sich für einen offenen Zugang zu Daten und Informationen einsetzt. Sie alle bilden die strukturell-funktionale Ebene. Mein Beitrag ist ergänzend, indem ich mich auf eine kulturelle und gesellschaftliche Ebene fokussiere, die es braucht, um den Bezug zur Zivilbevölkerung jenseits des Edukativen herzustellen.
«Kunst und Design können gerade auch zur technologischen Forschung ergänzend wirken.»
Marcel Bleuler
Was ist dein Ziel?
Für mich gibt es ein umfassendes, übergeordnetes Ziel, das sich aus unserer aussergewöhnlichen Konstellation ergibt: Wir haben die Möglichkeit, einerseits mit Spezialist:innen aus dem Datenbereich und andererseits mit der Verwaltung und dem Verein Opendata.ch zusammenzuarbeiten. Das funktioniert aber nur, wenn wir die Zusammenarbeit im Sinne eines Dialogs vorantreiben: Wir müssen nicht das Fachgebiet der anderen beherrschen – ich aus der Kunst werde durch die Arbeit im PDL weder Statistiker noch Politiker – aber wir alle müssen einen Austausch führen können. Das heisst auch, dass wir einander unsere Positionen so klar und verständlich rüberbringen, dass andere unsere Positionen aufnehmen können. Von dieser Zusammenarbeit verspreche ich mir, dass wir uns relativ umfassend mit der Generierung von gesellschaftlichem Wissen basierend auf Daten und in Verbindung zu Politik, Verwaltung und Zivilbevölkerung beschäftigen können.
Weiter möchte ich ein Umfeld für künstlerische Arbeiten schaffen, die sich mit Digitalität und Daten auseinandersetzen. Es gibt Künstler:innen mit spannenden und auch kritischen Perspektiven, denen aber der Kontakt zu Spezialist:innen fehlt. Ich erhoffe mir, dass sie dank des PDL einen Dialog mit Forschenden und mit der Zivilbevölkerung aufnehmen können und dadurch auch ihre Arbeiten entwickeln.
Wo siehst du Herausforderungen?
Genau bei diesem Dialog innerhalb des Projektteams (lacht). Wir alle bringen grosses Potenzial, aber auch Limitierungen mit, zum Beispiel von unseren Disziplinen her: Kunst hat oft etwas Elitäres, Wissenschaft auch. Die Verwaltung hat starre Rahmenbedingungen etc. Dazu zählt auch, dass ein Teil von dem, was wir machen, nur beschränkt kommunizierbar ist, oder dass wir das Verhältnis zur Zivilbevölkerung nur beschränkt beeinflussen können. Diese Limitierungen sind eine Herausforderung für den Dialog zwischen uns, aber auch für denjenigen mit der Zivilbevölkerung. Das Verhältnis zur Zivilgesellschaft ist nicht einfach gegeben, wir müssen es erst erschaffen, genauso wie wir das Vertrauen aufbauen müssen. Dazu müssen wir herausfinden, wo Vertrauensbildung ansetzen kann und wie sie im Zusammenhang mit hochspezialisierten, abstrahierten Prozessen funktionieren kann.
Du bringst die künstlerische Perspektive mit ins PDL. Was denkst du, was kann Kunst, was Wissenschaft nicht kann?
Ich glaube, dass Kunst und Wissenschaft sich nicht gegenseitig ausschliessen. Kunst kann eine komplementäre Funktion zur Wissenschaft haben. Aus der Zusammenarbeit mit Sozialwissenschaftler:innen weiss ich, dass sie mit klaren methodischen Rahmenbedingungen arbeiten, während sich Kunst und Design diesbezüglich mehr Freiheiten nehmen können. Daraus entstehen andere Formen von Wissen, die oftmals mehr affektive, relationale oder symbolische Dimensionen adressieren. Deshalb können Kunst und Design gerade auch zur technologischen Forschung ergänzend wirken. Sie öffnen eine Tür zur gesellschaftlichen Verhandlung von Innovationen. Damit meine ich nicht, dass sie der Wissenschaftskommunikation oder Wissensvermittlung dienen. Vielmehr ermöglichen sie ein In-Beziehung-Treten zum Beispiel zu komplexen Datenprozessen, ohne dabei zwingend ein rationales Verstehen ins Zentrum zu stellen. Es können auch gegenläufige, spielerische und intuitive Dynamiken entstehen. Solche Auseinandersetzungen – bei denen es sich eigentlich um Formen der Aneignung handelt – halte ich für entscheidend, damit eine Erfindung oder ein Forschungsresultat gesellschaftlich tragfähig wird. Der Raum dafür ist nicht einfach gegeben, man muss ihn erst erzeugen. Genau da können die Künste viel beitragen.
Was hast du für Ideen, wie Kunst und Design dazu beitragen können, das Verständnis für Indikatoren zu fördern?
Ich hadere mit dieser Frage, weil sie das Edukative sehr stark impliziert. Wie ich eben ausgeführt habe, geht es mir aber nicht darum, dass Kunst und Design rationales Wissen vermitteln. Vielmehr fordern sie dazu auf, den Begriff «Verständnis» komplexer zu fassen. Verständnis hat nicht einfach mit Wissen zu tun. Es lässt sich auch im direkten Kontakt miteinander und durch Aufmerksamkeit füreinander entwickeln. Ich würde Verständnis deshalb als Fähigkeit definieren, mit etwas einen Umgang zu finden, was man nicht komplett durchschaut. Diese Fähigkeit können Kunst und Design gut stärken.
Konkret habe ich mehrere Ideen, wie Kunst und Design dieses komplexer gefasste Verständnis für Indikatoren fördern können: Es gibt verschiedene Künstler:innen, die sich mit Daten als ästhetischem Phänomen befassen, indem sie Daten visualisieren oder in Klang umsetzen. Dabei finde ich vor allem den sinnlichen Zugang zu Daten spannend, der durchaus auch störrisch sein kann, der aber sehr konkret ist. Weiter gibt es Künstler:innen, wie zum Beispiel die !Mediengruppe Bitnik, die sich mit Datenlücken auseinandersetzen und Datenprozesse zu unterlaufen versuchen. Wieder andere Künstler:innen setzen bei der Generierung von Daten an, indem sie alternative Wege aufzeigen, wie Daten gesammelt werden können. Verity-Jane Keefe beschäftigt sich mit den deindustrialisierten Zonen in Grossbritannien, aber nicht über Messungen und Beobachtungen von Fachleuten, sondern aus der Perspektive der Menschen, die dort leben. Es geht dabei nicht um eine reproduzierbare Methodik, sondern darum Momente zu finden, in denen eine Erkenntnis entsteht, die nicht wiederholbar ist, die aber Aufschluss darüber gibt, was aus Sicht der Menschen in diesen Gebieten entscheidend ist.
Was ich auch noch verraten kann: Wir werden mit Studierenden des neuen Masterprogramms Art:ificial Studies in Fine Arts zusammenarbeiten, bei dem es stark um die gesellschaftliche Dimension von Digitalität und Technologie geht.
Marcel Bleuler leitet das Institute for Contemporary Art Research an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Nach seiner Promotion in Kunstgeschichte der Gegenwart (2013) forschte er an der Schnittstelle von Kunst und Konflikttransformation im Rahmen transdisziplinärer Projekte in Georgien und Burkina Faso (2014-2017) sowie im Bereich kultureller Praktiken, die soziale Polarisierung adressieren und Begegnung ermöglichen (Deutschland und Österreich, 2018-2021). Sein Interesse gilt dialogischen Praktiken, die soziale und ökologische Beziehungen verhandeln und Transformationsprozesse in Gang zu setzen suchen. Dieses Interesse steht auch im Doktoratsprogramm Transforming Environments im Vordergrund, das er 2021 initiiert hat und am Departement Fine Arts (ZHdK) leitet. Seine Publikationen fokussieren auf Socially Engaged Art, dialogische Ästhetik und das Verhältnis von Kunst und Aktivismus. Marcel ist permanent Fellow am Collegium Helveticum und Mitglied des Research Boards des Istituto Svizzero in Rom.

