Wer trägt Verantwortung dafür, dass städtische Prozesse gerecht gestaltet sind? Hanna Hilbrandt geht dieser Frage dort nach, wo soziale und ökologische Anliegen ums Wohnen aufeinandertreffen. Im Public Data Lab interessiert sie, was sich über Ungleichheit am Zürcher Wohnungsmarkt aus Daten ablesen lässt.
Wie bist du bei der Wohnungsforschung gelandet?
Ich beschäftige mich schon seit meinem Doktorat mit Wohnungsforschung, mein erstes Buch ist daraus entstanden und handelt von prekärem Wohnen. Ich bin von Haus aus Architektin und über ein zweites Studium in die Geografie gekommen, in der ich auch promoviert habe. In der Architektur geht es ohnehin viel ums Wohnen, Wohnsoziologie war eines der wichtigsten Fächer in meinem Studium. So habe ich beides kombiniert, und daraus hat sich unter anderem die Wohnungsforschung ergeben. Was mich daran interessiert, ist, die oft unsichtbaren Erfahrungen von Prekarisierung am Wohnungsmarkt sichtbar zu machen.
Woran forschst du mit Bezug auf Zürich?
In unserem Projekt „The Responsible City» untersuche mein Team, unsere Kollaborationspartner und ich am Beispiel von Zürich und Genf, wie sozioökologische Konflikte im Wohnungsbereich ausgehandelt werden. Bei Verdichtung oder energetischer Sanierung treffen soziale Anliegen wie günstiges Wohnen und ökologische Anliegen wie ein möglichst nachhaltiger Umgang mit dem Baubestand aufeinander. Aus dem gegenwärtigen Umgang mit diesen Anliegen ergeben sich oft Zielkonflikte. Uns interessiert nicht nur, was eine gerechte Lösung wäre, sondern auch, wer handeln müsste, um Ideen einer gerechte Stadt umzusetzen.
Was heisst für dich eine gerechte Stadt, und was bedeutet das in deiner Forschung?
Gerechtigkeit hat viele Seiten. Man kann nach der Gerechtigkeit von Verteilung fragen, also wer welchen Anteil am Wohnraum hat, oder nach gerechten Prozessen, also danach wie fair Abläufe sind. In meiner Forschung steht aber vor allem die strukturelle Gerechtigkeit im Vordergrund.
Ungerecht ist demnach, wenn gesellschaftliche Strukturen Menschen in den Möglichkeiten einschränken, ein für sie erfüllendes Leben zu führen, etwa wenn sie verdrängt werden, keinen Zugang zu Wohnungen finden oder an den Rand der Stadt gedrängt leben. Es geht also nicht nur darum, Schuldige zu finden, sondern darum zu verstehen, wie strukturelle Mechanismen Benachteiligungen für bestimmte Bevölkerungsgruppen produzieren.
„Die Frage ist nicht nur, was eine gerechte Lösung wäre, sondern auch, wer handeln müsste, um Ideen einer gerechten Stadt umzusetzen.«
Hanna Hilbrandt
Daraus ergibt sich ein bestimmtes Verständnis von Verantwortung. Mir geht es weniger um die rückwärtsgerichtete Schuldfrage als um eine politische, vorwärtsgerichtete Verantwortung: Wer müsste handeln, um diese Strukturen zu verändern? Genau deshalb heisst unser Projekt „The Responsible City». Wir machen die Mechanismen der Verdrängung und Ausgrenzung sichtbar und fragen zugleich, wer für was Verantwortung übernimmt bzw. übernehmen könnte. Dazu schauen wir auch auf die Immobilienwirtschaft, die Politik und Planung und die Zivilgesellschaft in Zürich und Genf.
Wie kam die Verbindung zum Public Data Lab zustande, und welche Rolle hast du dort?
Als das Public Data Lab entstand, war schnell klar, dass ich mit meiner Forschung zu Wohnungsfragen im Kanton Zürich gut hineinpasse, und so kam die Anfrage, mitzumachen. Eingebunden bin ich über mehrere Ankerpunkte. Zum einen über die Zweitbetreuung einer Doktorarbeit, die im Rahmen des Public Data Labs entsteht und Überlegungen zu Masterarbeiten, die wir entwickeln. Das Public Data Lab bietet einen konkret Rahmen, in dem Studierende zu Zürcher Wohnungsfragen forschen könnten. Zum anderen hat das Public Data Lab einen Anlass geboten, über Fragen nach Indikatoren zu Wohnungsfragen ins Gespräch zu kommen. Mit dem Amt für Statistik und Daten sowie mit den anderen Partnerinsitutionen.
Wie hängen Daten und Wohnen zusammen?
Wir forschen vor allem mit qualitativen Daten und analysieren auf dieser Grundlage die Erfahrungen von Bewohnenden sowie die Mechanismen, denen sie am Wohnungsmarkt begegnen. Das sind etwa Erfahrungen der Verdrängung, oder Erfahrungen, des temporären Wohnens. Andere Fragen lassen sich qualitativ weniger gut abbilden: wer wo wie viel besitzt, wo wie viel Miete gezahlt wird, wo welche Dichte herrscht oder wie weit der Weg von der Arbeit nach Hause ist. Das zeigen quantitative Daten besser. Wegen der Möglichkeit diese Daten zusammenzudenken finde ich das Public Data Lab so interessant.
„Das Public Data Lab bietet eine grossartige Möglichkeit, öffentlicher zu machen, was eigentlich im Wohnungsmarkt passiert, in Bezug auf Fragen von Gerechtigkeit, Ungerechtigkeit und Verantwortungsübernahme.«
Hanna Hilbrandt
Hanna Hilbrandt ist Ausserordentliche Professorin für Sozialgeographie am Geographischen Institut der Universität Zürich. Ausgebildet als Architektin, kam sie über ein Studium in Urban Studies und eine Promotion in der Geografie zur Stadt- und Wohnungsforschung. Sie forscht zu sozioökologischen Konflikten im Wohnungsbereich, zu Verdrängung und prekärem Wohnen, aktuell unter anderem im Projekt The Responsible City zu Zürich und Genf.

