Reta Barfuss forscht zu den Schattenseiten der Teilzeitarbeit und beschäftigt sich mit Menschen, die ungewollt Teilzeit arbeiten. Ihre Forschung gibt Einblick in den Arbeitsalltag von Gebäudereiniger:innen, der von tiefen Pensen, langen Arbeitstagen und einseitiger Flexibilität geprägt ist.
Vor zwei Jahren hat Reta Barfuss ihr Doktorat bei Karin Schwiter in der Arbeitsgeografie an der UZH begonnen. Sie forscht zu prekären Arbeitsverhältnissen und -konstellationen. «In meinem Forschungsprojekt geht es um Unterbeschäftigung – oder anders ausgedrückt – unfreiwillige Teilzeitarbeit.» Reta spricht von zeitbezogener Unterbeschäftigung. «Davon betroffen sind manchmal auch Menschen, die trotz mehrerer Jobs und langer Arbeitstage nicht auf genügend bezahlte Stunden kommen, die einen existenzsichernden Lohn garantieren.» Häufig von dieser Form der Unterbeschäftigung betroffen sind Menschen, die in der Gebäudereinigung arbeiten, weshalb sich Reta auf diese Branche konzentriert. «Mich interessiert, wie Unterbeschäftigung entsteht, was ihre Folgen sind, aber auch welche sozialen Ungleichheiten in das Phänomen hineinspielen», erklärt Reta. Dafür hat sie bislang Gewerkschaften, Fachstellen, die Unterstützung anbieten, und Gebäudereiniger:innen interviewt. Auch mit ersten Reinigungsfirmen hat sie gesprochen, um deren Sicht zu verstehen.
Das System ausreizen
Im Zentrum ihrer Arbeit stehen Mitarbeiter:innen von Reinigungsfirmen, die Hotels, Restaurants oder Büros reinigen. Denn über sie scheint es weniger Forschung zu geben als über Reiniger:innen, die in Privathaushalten tätig sind. «Im Laufe meiner Arbeit aber habe ich gemerkt, dass viele Gebäudereiniger:innen mehrere Jobs annehmen müssen, um über die Runden zu kommen, und oft zusätzlich in Privathaushalten arbeiten», führt Reta aus, und ergänzt: «Denn in der Schweiz werden Gebäude selten tagsüber zu Bürozeiten gereinigt. Meistens fällt die Reinigung in die frühen Morgen- oder die späten Abendstunden. Das führt dazu, dass die Aufträge über den Tag verstückelt sind und dass die Arbeit oft unsichtbar bleibt.» Eine tiefe Anzahl an Minimalstunden, zum Beispiel 8 Stunden pro Woche, seien in der Gebäudereinigung weit verbreitet, so Reta. «Es gibt mehrere Anreize für die Reinigungsfirmen, die Anzahl Arbeitsstunden ihrer Mitarbeitenden tief zu halten», meint sie, und erklärt: «Die Firmen sind so flexibler, weil sie weniger Arbeit, sprich Lohn, garantieren müssen. Da das Pensum so tief ist, können sie gleichzeitig davon ausgehen, dass ihre Mitarbeitenden bereit sind und Zeit haben, mehr zu arbeiten, wenn es mehr Arbeit gibt. So können sie einen Teil der Schwankungen in der Auftragslage auf ihre Mitarbeitenden abschieben.» Es gebe aber noch weitere Gründe, sagt Reta, und zählt auf: «Pensionskassenbeiträge sind erst ab einem gewissen Mindesteinkommen obligatorisch[1]. Sind die Löhne tiefer als das Mindesteinkommen, sparen die Firmen diese Beiträge. Oder sie sparen bei der Entschädigung fürs Mittagessen, die gemäss Gesamtarbeitsvertrag erst ab sechs Stunden pro Tag geleistet werden muss[2].» Wieder andere Mechanismen würden auf die bezahlten Stunden drücken, indem zum Beispiel Wegzeiten zwischen den Reinigungsaufträgen nicht zur Arbeitszeit gezählt werden[3] oder die Zeit für die Reinigung bei Hotelzimmern vorgegeben wird. «Die Zimmerreiniger:innen sind im Stundenlohn angestellt, aber die Zeit pro Zimmer ist genau vorgegeben – und sehr knapp bemessen. Schaffen es die Reiniger:innen nicht in dieser Zeit, müssen sie oft unbezahlt weiterputzen», erzählt Reta. In beiden Fällen ist der Arbeitstag schlussendlich länger als die bezahlten Stunden. Auch falsche Lohnabrechnungen sind verbreitet, wie Reta in ihren Interviews mit den Reiniger:innen festgestellt hat.
Einseitige Abhängigkeit
Zusätzlich zu den Gründen, wieso die Menschen nicht auf genügend bezahlte Stunden kommen, fragt sich Reta, weshalb dieses System so überhaupt möglich ist: «Mich interessiert, wie es dazu kommt, dass sich Unternehmen so verhalten, unter welchem Druck sie selbst stehen und weshalb sie solch prekäre Arbeitsverhältnisse anbieten können.». Bislang hat sie erst mit zwei Reinigungsunternehmen sprechen können. «Die meisten haben scheinen bis jetzt kein Interesse zu haben, mit mir zu reden», was Reta nicht überrascht. Der Druck unter den Reinigungsfirmen muss sehr gross sein, vermutet sie. «Die Reinigung ist oft ausgelagert und soll möglichst günstig sein. Die Reinigungsfirmen stehen im gegenseitigen Wettbewerb, das günstigste Angebot zu machen und drücken die Löhne ihrer Angestellten, weil sich dort am leichtesten Geld einsparen lässt», vermutet sie. Sie hofft deshalb, im Gespräch mit weiteren Reinigungsfirmen noch mehr über deren Überlegungen und Strategien herauszufinden, aber auch um Einzelfälle und verbreitete Haltungen besser unterscheiden zu können.
Auf die Frage, weshalb die Unternehmen so prekäre Arbeitsverhältnisse anbieten können, hat Reta bereits ein paar Antworten gefunden. In ihren Interviews stellte sich heraus: «Die Reiniger:innen – meistens Frauen mit Migrationshintergrund – sind sich sehr wohl bewusst, dass sie ausgebeutet werden», so Reta. Warum sie trotzdem mitmachen, erklärt Reta aus der Perspektive des Racial Capitalism: «Der Racial Capitalism, auf Deutsch rassifizierter Kapitalismus, besagt, dass Ausbeutung entlang rassifizierter Unterscheidungslinien geschieht.» Konkret auf den Fall der Mitarbeitenden in der Gebäudereinigung bezogen heisst dies: «Das Recht der migrantischen Reiniger:innen, hier zu leben, ist an ihre Beschäftigung gebunden. Dadurch sind sie von ihrer Arbeit und damit auch von ihrem Arbeitgeber abhängig.» Umgekehrt sind die Reiniger:innen aus Sicht der Unternehmen austauschbar. Laut Reta ist es gerade das Migrationsregime, das eine rassifizierte Ausbeutbarkeit schafft und reproduziert. Sich dagegen zu wehren sei sehr schwierig.
Prekäre Arbeit sichtbar machen
Als assoziiertes Projekt im DIZH Public Data Lab arbeitet Reta insbesondere mit dem Flagship-Projekt über prekäre Arbeit zusammen, bei dem es darum geht, prekäre Erwerbssituationen sichtbar zu machen. Denn unsichtbar sind nicht nur die Gebäudereiniger:innen, die meistens dann arbeiten, wenn andere noch schlafen oder schon Feierabend haben. «Unsichtbar oder nicht im politischen Fokus sind auch ihre Arbeitsbedingungen», meint Reta. Unterbeschäftigung sei ein Phänomen, das sich statistisch nur schwer erfassen lässt – aus verschiedenen Gründen, wie Reta erklärt: «Der Fokus der Statistik liegt oft auf der Arbeitslosigkeit. Doch die Gebäudereiniger:innen, mit denen ich gesprochen habe, sind weder arbeitslos, noch haben sie zu wenig Arbeit. Sie haben zu wenig bezahlte Stunden im Vergleich zur Arbeit, die sie leisten. Oft haben sie sogar mehrere Anstellungen, um irgendwie über die Runden zu kommen.» Die Sichtbarmachung ist auch ein persönliches Ziel von Reta, wie sie erklärt: «Ich möchte die Stimmen der Reiniger:innen verstärken und ihre Erzählungen und Forderungen dabei weitertragen.» Um das Thema sichtbar zu machen, aber auch um Veränderungen anzustossen, freut sich Reta auf die weitere Zusammenarbeit mit dem DIZH Public Data Lab. «Einen Austausch mit Künstler:innen würde ich sehr spannend finden, um das Thema auf einer anderen Ebene auszudrücken und verschiedene Menschen damit zu erreichen», meint Reta. Dabei würde sie die Reiniger:innen gerne direkt einzubeziehen. In den Interviews hat sie gemerkt: «Die Reiniger:innen analysieren ihrer eigenen Situation glasklar. Sie sind motiviert, etwas zu verändern, und zum Teil auch politisch sehr engagiert.»
Reta Barfuss holds a Bachelor’s degree in Social Anthropology and Modern History from the University of Zurich and completed her Master’s degree in Gender Studies at Utrecht University. She is currently pursuing her PhD in labour geography at the University of Zurich, where her research examines underemployment in the commercial cleaning sector through the lens of racial capitalism to better understand how social lines of differentiation are shaping and shaped through the of this phenomenon.
[1] Die berufliche Vorsorge ist für Arbeitnehmende verpflichtend (obligatorisch), wenn sie ein bestimmtes Mindesteinkommen haben. Obligatorisch versichert sind die Löhne zwischen 22’680 und 90’720 Franken. (Quelle: Bundesamt für Sozialversicherungen BSV)
[3] Sind die Mitarbeiter:innen eines Reinigungsunternehmens mobil oder in einer mobilen Equipe unterwegs und reinigen verschiedene Liegenschaften, dann zählen die Wegzeiten laut Gesamtarbeitsvertrag zur Arbeitszeit und müssen entlöhnt werden. Siehe 14.1 GAV.

