«Künstlerische Forschung schafft transformatives Wissen, das bestehende gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur widerspiegelt, sondern aktiv hinterfragt und verändert.»
Weshalb machst du beim Public Data Lab mit?
Mich reizt besonders, dass im Public Data Lab sehr unterschiedliche Wissenskulturen aufeinandertreffen: Forschende der ZHdK, der UZH und des Statistischen Amts des Kantons Zürich. Während künstlerische Zugänge mit Subjektivität, Mehrdeutigkeit und Affekt arbeiten, zielt die statistisch-wissenschaftliche Wissensproduktion auf Messbarkeit, Vergleichbarkeit und Überprüfbarkeit gesellschaftlicher Phänomene. Sie schafft damit auch zentrale Grundlagen für politische Steuerung und demokratische Entscheidungsprozesse.
Was passiert, wenn diese unterschiedliche Wissensformen miteinander in Austausch treten? Welche Potenziale, Synergien, oder Zwischenräume entstehen dabei? Wie gehen wir mit Reibungen oder widersprüchlichen Perspektiven um? Ich glaube, dass wir viel voneinander lernen können – und dass genau aus diesen Differenzen neues, gesellschaftlich relevantes Wissen entstehen kann.
Zentral ist dabei ein gemeinsames Anliegen, das uns trotz aller Unterschiede verbindet. Das haben wir, die Sorge um die Gesellschaft, in der wir leben. Angesichts aktueller sozialer, ökonomischer und ökologischer Transformationsprozesse – etwa Wohnungsnot, Prekarisierung, Klimawandel oder Digitalisierung – stellt sich für uns alle die Frage, wie wir Kompliz:innenschaften bilden können, um diesen Herausforderungen gemeinsam zu begegnen.
Du sprichst von einer Sorge um die Gesellschaft. Kannst du das präzisieren?
Das Statistische Amt übernimmt im Kanton Zürich eine zentrale, fürsorgende Rolle. Durch die Erhebung, Aufbereitung und Veröffentlichung von Daten schafft es Grundlagen für politische Entscheidungen, öffentliche Debatten und demokratische Willensbildung. Diese akribische Arbeit ist getragen von der Sorge, gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar zu machen, langfristig beobachtbar zu halten und verantwortungsvoll zu begleiten.
Gleichzeitig folgt statistisch-wissenschaftliche Wissensproduktion aber bestimmten, von oben gesteuerten methodischen Logiken. Normierung, Standardisierung und Abstraktion sind notwendig, um gesellschaftliche Phänomene mess- und vergleichbar zu machen. Diese Verfahren erzeugen Lücken: Affektive Erfahrungen, informelle Praktiken oder marginalisierte Perspektiven lassen sich nur begrenzt statistisch erfassen und bleiben in offiziellen Daten oft unsichtbar.
Welche fürsorgende Rolle kann Kunst bzw. künstlerische Forschung in diesem Zusammenhang spielen?
Mich interessieren vor allem bottom-up Care-Strategien der Wissensgenerierung, wie sie in künstlerischen Kontexten praktiziert werden. Sie zielen darauf, marginalisierte Erfahrungen zu dokumentieren, alternative Narrative zu stärken und eine andere Beziehung zu Wissen zu stiften. Künstlerischen Forschung schafft auf diese Weise auch transformatives Wissen. Transformativ bedeutet dabei, dass dieses Wissen bestehende gesellschaftliche Verhältnisse widerspiegelt und gleichzeitig aktiv hinterfragt und verändert. Es ist somit Teil einer Forschungspraxis, die soziale Gerechtigkeit, ökologische Verantwortung und gegenseitige Abhängigkeit ernst nimmt und sich dafür einsetzt.
Gibt es ein Beispiel, mit dem Du das anschaulich machen kannst?
Ein gutes Beispiel ist Tiffany Chungs The Syria Project (seit 2015). In dieser Serie erstellt sie handgezeichnete Karten, die die Fluchtbewegungen syrischer Geflüchteter nachzeichnen – basierend auf UN-Daten und eigenen Feldforschungen in Flüchtlingslagern. Chung nutzt offizielle Statistiken, bricht diese jedoch durch die subjektiven Geschichten und Erfahrungen der Geflüchteten. So zeigt sie, dass Daten nicht nur als neutrale Zahlen, sondern auch als vielschichtige, affektiv und politisch aufgeladene Erzählungen verstanden werden können. Durch künstlerische Aneignung werden also offizielle Statistiken neu zugänglich und lesbar.
Was ist dein Beitrag zum Public Data Lab?
Ich bin Teil der Kerngruppe an der Zürcher Hochschule der Künste, die von Marcel Bleuler geleitet wird. Mein Beitrag zum Public Data Lab speist sich aus einer langjährigen Arbeit an der Schnittstelle von Sozial- und Kulturwissenschaften, Urbanismus und künstlerischer Forschung. Durch meine wissenschaftliche und künstlerische Ausbildung bin ich mit unterschiedlichen Formen der Wissensproduktion vertraut – sowohl mit analytisch-wissenschaftlichen als auch mit künstlerisch-experimentellen Zugängen.
Diese Erfahrungen bringe ich ins Public Data Lab ein. Meine Rolle sehe ich im Brückenbauen zwischen unterschiedlichen Wissenskulturen und im Einbringen einer care-orientierten Perspektive im Umgang mit Wissen und Daten.
In meiner bisherigen Forschung habe ich mich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Wissen in gesellschaftlichen Kontexten entsteht, wer daran beteiligt ist und welche Perspektiven dabei sichtbar bzw. unsichtbar werden. In diesem Zusammenhang habe ich Interventionen an urbanen öffentlichen Orten durchgeführt und dabei Räume geschaffen, die auf Care, Dialog und Beteiligung basieren. Damit verfolgte ich die Absicht, kollektive Wissensprozesse mit Menschen unterschiedlicher Hintergründe auch jenseits institutioneller Formate zu ermöglichen.
Was erhoffst du dir konkret vom Public Data Lab?
Ich erhoffe mir einen Raum des lustvollen Austauschs und der gemeinsamen Reflexion, in dem unterschiedliche Wissensformen ernst genommen. Gemeinsam soll erprobt werden, wie statistisch-wissenschaftliches und künstlerisches Wissen anders zusammenwirken können. Getragen soll diese Arbeit von einer gemeinsamen Sorge um die Frage sein, wie Wissen über gesellschaftliche Wirklichkeiten für eine demokratische und inklusive Gesellschaft wirksam werden kann.
Julia Weber arbeitet an der Schnittstelle von Sozial- und Kulturwissenschaften, Urbanismus und künstlerischer Forschung. Ihr Interesse gilt künstlerischen Praktiken im urbanen Raum, die auf Care, Dialog und Beteiligung basieren. In ihrer Dissertation Herumlungern?! Potenziale einer urbanen Lebensform (2022)erforschte sie partizipative Formen der Wissensproduktion durch sozial-künstlerische Interventionen. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Zürcher Hochschule der Künste und verantwortet den Bereich „Partizipation & Kollaboration“ bei der Wohnbaugenossenschaft Kalkbreite in Zürich.

