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Die Menschen und ihre Erwerbssituationen, die Karin Schwiter erforscht, werden von der Statistik oft nicht erfasst. Im Interview erklärt die Professorin für Arbeitsgeographie am Geographischen Institut der Universität Zürich, wie es zu solchen Datenlücken kommt und wieso sich das DIZH Public Data Lab besonders gut eignet, um diese Lücken sichtbar zu machen.
Karin, warum machst du mit beim DIZH Public Data Lab (PDL)?
Karin: Ich beschäftige mich schon eine Weile mit prekärer Arbeit. Das ist ein Oberbegriff für Erwerbssituationen, die – aus verschiedenen Gründen – eine grosse Unsicherheit und Unplanbarkeit mit sich bringen und nicht existenzsichernd sind. Viele dieser Arbeitsstellen oder -situationen tauchen in keiner Statistik über den Arbeitsmarkt auf. Das hat mich irritiert, weil es offenbar am unteren Ende des Arbeitsmarktes eine beachtliche Anzahl Jobs resp. Menschen gibt, die unsichtbar bleiben, wenn wir die üblichen quantitativen Methoden und Arbeitsmarktindikatoren anwenden. Als Ross (Purves) mir erzählte, er starte ein Projekt zu Indikatoren, habe ich sofort an diese Arbeitsmarktbereiche gedacht. Sie lassen sich quantitativ nur schwer erfassen, aber es gibt qualitative Möglichkeiten, sie sichtbar zu machen. Genau das hat mich motiviert, beim DIZH Public Data Lab mitzumachen: Wir wollen Unsichtbares sichtbar machen. Zuerst müssen wir allerdings herausfinden, was alles unsichtbar bleibt, bevor wir uns damit befassen, welche Möglichkeiten der Sichtbarmachung sinnvoll sind. Bei Ersterem hilft uns die Zusammenarbeit mit dem Statistischen Amt des Kantons Zürich, bei Letzterem die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Ich freue mich darauf, mit diesen Partnern Ansätze zu entwickeln, um prekäre Arbeit vermehrt in die öffentliche Diskussion einzubringen.
Könntest du ein paar Beispiele für prekäre Arbeitsformen nennen und erklären, warum sie quantitativ schwierig zu erfassen sind?
Prekäre Arbeit ist ein Obergriff. Darunter fällt zum Beispiel die Unterbeschäftigung – auch unfreiwillige Teilzeitarbeit genannt. Als unterbeschäftigt gelten Menschen, die zwar eine Arbeitsstelle haben, aber nicht auf genügend bezahlte Stunden kommen, um davon leben zu können. Es sind meist Jobs mit unklaren Arbeitszeiten, die in verschiedenen Branchen vorkommen. Dazu gehören Jobs auf Abruf, bei denen der Einsatz stark variiert, von einer bis zu vielen Stunden pro Woche. Das kann zum Beispiel eine Person sein, die Zimmer in einem Hotel putzt und pro geputztes Zimmer bezahlt wird. Ihr Einsatz und somit auch ihr Lohn sind abhängig von der Anzahl Hotelgäste. Die Arbeitskraft muss aber stets verfügbar sein, kann also nicht weitere Stellen annehmen. Diese Person wird in der Statistik nicht als Arbeitslose auftauchen, weil sie eine Stelle hat. Nur kommt sie mit ihrem schwankenden Lohn oft nicht über die Runden. Diese Unterbeschäftigung ist eine Folge der zunehmenden Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt. Flexibilität ist toll, wenn beide Seiten davon profitieren, aber bei der Unterbeschäftigung dient sie einseitig dem Arbeitgeber, weil er die Kontrolle darüber hat.
«Es wird oft unterschätzt, wie viele Personen in der Schweiz unter prekären Bedingungen arbeiten – viele davon Frauen und Personen mit Migrationserfahrung.»
Karin Schwiter
Zur prekären Arbeit gehört auch die Plattformarbeit. Das sind Arbeitseinsätze, die über eine Online-Plattform vermittelt werden. Es ist auch Arbeit auf Abruf, die sich zum Beispiel in der Reinigung, bei der Betreuung von Kindern oder älteren Menschen oder bei Lieferdiensten ausbreitet. Auf diesen Plattformen gibt es oft ein kleines Angebot an Aufträgen, aber eine hohe Nachfrage von Arbeitnehmenden. D.h. als Plattformarbeitende muss ich sehr viel Zeit dafür investieren, permanent zu schauen, ob ein Auftrag reinkommt und mich dann sofort dafür bewerben. Viele der Aufträge sind sehr kurzfristig, zum Teil mit Arbeitsbeginn in 30 Minuten. Ich habe also nie richtig frei und kann kaum je abschalten. Die meisten dieser Aufträge oder Jobs tauchen nicht in einer Arbeitsmarktstatistik auf und ein Teil der Personen, die diese Jobs ausführen, sind auch nicht hier gemeldet. Deshalb wird oft unterschätzt, wie viele Personen in der Schweiz unter prekären Bedingungen arbeiten – viele davon Frauen und Personen mit Migrationserfahrung.
Was ist deine Rolle innerhalb des PDL?
Ich betreue eines der vier Leuchtturm-Projekte zum Thema prekäre Arbeitsformen und begleite Merlin Hebecker, der sein Doktorat im September bei uns beginnen wird. Zusätzlich fliesst ein Teil meiner Forschung zur prekären Arbeit ins Public Data Lab ein. Wir untersuchen zum Beispiel bei der Plattformarbeit, welche Jobs davon betroffen sind, was es mit den Arbeitnehmenden macht, wenn sie ständig auf Abruf sein müssen, welche Konsequenzen sich daraus für ihre Lebensführung und soziale Beziehungen ergeben etc. In unserer Forschung schauen wir uns auch die Strategien an, die Arbeitnehmende entwickeln, um mit diesem System, das gegen sie arbeitet, umzugehen. Oder was sie tun, um es möglichst gut nutzen zu können. Dazu gehören zum Beispiel geteilte Accounts oder das Weiterreichen von Jobs.
Wie geht ihr bei diesem Leuchtturm-Projekt vor, um neue Formen der prekären Arbeit zu erfassen und sichtbar zu machen?
Wir möchten als erstes mit den Fachleuten zusammensitzen, die beim Statistischen Amt des Kantons Zürich für die Daten und Indikatoren zum Arbeitsmarkt zuständig sind. Denn sie haben viel Wissen über diesen Bereich und kennen auch mögliche Lücken in den Daten. Zusammen mit ihnen werden wir unseren Fokus festlegen, zum Beispiel auf bestimmte Branchen oder eine bestimmte Art von Jobs. Bezüglich der Methoden werden wir mit betroffenen Arbeitnehmenden sprechen, denn sie sind Expertinnen und Experten über ihre Arbeit. So finden wir heraus, wie ihr Erwerbsalltag funktioniert und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Wir werden aber auch mit Arbeitgebenden, Fachleuten für die jeweilige Branche, Branchenverbänden und Gewerkschaften zusammenarbeiten, um noch besser zu verstehen, wie es zu solchen Arbeitsverhältnissen kommt. Dies ermöglicht uns Massnahmen und Strategien zu entwickeln, damit in diesen Arbeitsfeldern vermehrt existenzsichernde Jobs entstehen können.
«Deshalb möchten wir kritisch reflektieren, wo die Grenzen der Indikatoren liegen, die den Arbeitsmarkt aktuell abbilden.»
Karin Schwiter
Was sind deine Ziele?
Ich möchte die prekäre Arbeit inklusive der Menschen, die unter diesen Bedingungen arbeiten, sichtbarer machen. Wir verwenden dafür einen qualitativen Ansatz und stellen die Menschen, die von prekärer Arbeit betroffen sind, in den Vordergrund: Was bedeutet diese Erwerbssituation für sie? In vielen Fällen sind diese Menschen nicht so einfach zählbar. Deshalb möchten wir kritisch reflektieren, wo die Grenzen der Indikatoren liegen, die den Arbeitsmarkt aktuell abbilden. Ich möchte zudem darauf hinwirken, dass Regulierungen geschaffen werden, um möglichst viele dieser Jobs existenzsichernd zu machen und der Ausbeutung einen Riegel zu schieben. Schliesslich möchten wir die Öffentlichkeit für diese Formen prekärer Arbeit sensibilisieren.
Wo siehst du Herausforderungen im PDL?
Im Public Data Lab treffen sehr verschiedene Perspektiven und Forschungsmethoden aufeinander. Von Machine Learning, bei dem riesige Datenmengen und viele verschiedene Datenarten miteinander verarbeitet werden können, bis zu uns, die wir qualitativ mit Einzelgeschichten von Arbeitskräften arbeiten. Die Herausforderung besteht für mich darin, eine gemeinsame Sprache zu finden, in der wir uns verstehen und die eine Zusammenarbeit ermöglicht.
Auf was freust du dich am meisten?
Ich freue mich sehr auf die Zusammenarbeit mit dem Statistischen Amt, unserem Praxispartner. Es ist super spannend für uns, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die daran interessiert sind, dass Arbeitsmarktdaten möglichst gut und akkurat sind, und die diese Daten im Arbeitsalltag einsetzen. Ich freue mich auch darauf, mit den anderen Forschungsteams in unserem Projekt die Möglichkeiten und Grenzen von Indikatoren auszuloten. Weiter bin ich gespannt auf die Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule der Künste, weil wir über die Veröffentlichung von Indikatoren hinaus gehen und innovative Formen des Dialogs mit der Öffentlichkeit finden wollen. Ich habe grosse Lust darauf, zusammen mit ihnen dazu zu brainstormen.
Karin Schwiter ist Assistenzprofessorin für Arbeitsgeographie an der Universität Zürich. Sie ist Mitherausgeberin der Bücher «Handbuch Feministische Geographien» (Budrich, 2021) und «Home Care for Sale» (Sage, 2024). Für ihr aktuelles Forschungsprojekt «Unterbeschäftigt» hat ihr der Europäische Forschungsrat im Juni 2025 einen fünfjährigen ERC Advanced Grant zugesprochen. Ausserhalb der Universität engagiert sie sich in politischen Projekten und ist gerne mit Freundinnen und Freunden in den Bergen unterwegs.

